03.07.2017
Von: Dr. Jürgen Geffe, Geschäftsführer

Klare Kommunikation - Effektive Bildverarbeitung mit VDI-Richtlinie 2632

Wer komplexe Fertigungsabläufe mit Bildverarbeitung (BV) automatisieren will, der sollte den Einsatz vorab strukturiert planen. Die VDI-Richtlinienreihe 2632 gibt dafür Hilfestellungen, sie harmonisieren die Kommunikation zwischen Produktion und BV-Planer. Unstimmigkeiten lassen sich so von Beginn an vermeiden. Einem sorgfältigen Lasten- und Pflichtenheft fällt dabei die Schlüsselrolle zu.

Unwägbarkeiten von vorneherein ausschließen

Wer mit Bildverarbeitung automatisieren will, der sollte versuchen, alle erdenklichen Unwägbarkeiten von vornherein auszuschließen. Damit man dabei nichts übersieht, hat der VDI/VDE- Fachausschuss für "Bildverarbeitung in der Mess- und Automatisierungstechnik" die VDI/VDE/VDMA-Richtlinie 2632 erarbeitet. Diese zeigt, wie eine klare Kommunikation in der Bildverarbeitung Projekte erfolgreich macht.

Die Richtlinie liefert eindeutige Begriffe und stellt im Zusammenhang mit der Bildverarbeitung die Aspekte zusammen, die beim vollständigen Beschreiben der Anforderungen zu beachten sind, damit sich Auftraggeber und Auftragnehmer verstehen. Die präzise und vollständige Projektbeschreibung im Lastenheft ermöglicht das realistische Planen von Zeit, Kosten und Personal bei allen Projektpartnern und damit eine solide Projektplanung. Auch wenn sich Überraschungen während der Projektlaufzeit nie vollständig vermeiden lassen, lassen sie sich damit jedoch minimieren. All das ermöglicht letztlich das fristgerechte Fertigstellen des BV-Projekts mit dem vereinbarten Leistungsumfang zum vereinbarten Preis.

In Blatt 1 listet die VDI/VDE/VDMA-Richtlinie 2632 rund 400 allgemeine Einzelbegriffe, informiert über Objekte und Szenerien sowie deren Beleuchtung und nennt die Unterschiede zwischen einzelnen Optiken und Bildsensoren. Zudem sagt sie welche Hardware und Software erforderlich ist, welche Störungen auftreten können und benennt die wesentlichen Bestandteile und Eigenschaften eines BV-Systems. Dabei stehen deutsche und englische Fassung direkt nebeneinander.

Ziel ist es unter anderem, ein gemeinsames Verständnis der Vertragspartner zu schaffen. Oberstes Gebot dabei: eine allgemeinverständliche Sprache, denn die Nutzer von Bildverarbeitungssystemen kommen meist aus den unterschiedlichsten Branchen und sind mit den Begrifflichkeiten der BV nicht immer vertraut.

Der Fahrplan für das Bildverarbeitungsprojekt

Um ein Bildverarbeitungsprojekt erfolgreich zu bearbeiten, kann ein strukturierter Projektablauf in folgenden acht Schritten durchgeführt werden:

  • Einschätzen des Schwierigkeitsgrades der Aufgabenstellung als auch der zu prüfenden Teile
  • Fixierung der Anforderungen: Lasten- und Pflichtenheft nach VDI/VDE/VDMA-Richtlinie 2632,
  • Untersuchung der Machbarkeit,
  • Einholen und beurteilen von Angeboten,
  • Entscheiden: Make or buy,
  • Umsetzung der Aufgabe,
  • Inbetriebnahme und Abnahme der BV-Anlage
  • Bildverarbeitung in Wartung, Instandhaltung und Qualifizierung etablieren.

Pflichtenheft und Lastenheft

Von den gelisteten Punkten ist Punkt 3 für den praktischen Einsatz besonders wichtig: das Fixieren der Anforderungen. So beschreibt die Richtlinie 2632 in Blatt 2 einen Leitfaden zum Erstellen eines Lastenhefts und eines Pflichtenhefts. Die Autoren geben konkrete Hinweise zur Erstellung sowie zu den Einflussgrößen, die beide Parteien beim Erstellen des Lastenhefts berücksichtigen sollten. Ebenso werden inhaltlich auf die Bildverarbeitung abgestimmte Empfehlungen für das Pflichtenheft vorgeschlagen. Dabei bleiben immer die besonderen Eigenschaften der Systeme im Fokus.

Der Nutzen der Richtlinie ist klar erkennbar:

Information für den Auftraggeber - verdeutlicht, was der Anbieter mit seinen technischen Angaben meint.

Checkliste für den Auftraggeber - welche Informationen braucht der Anbieter.

Checkliste für den Anbieter - Themen, die zu Projektbeginn besprochen werden sollten.

Abfragen von erforderlichen Details für eine professionelle Projektabwicklung.

Abnahme klassifizierender IBV-Systeme

Blatt 3 der Richtlinie gibt einen Ausblick zur Abnahme klassifizierender BV-Systeme. Dort findet man unter anderem Merkmale, um zwischen den Leistungskenngrößen des BV-Systems (z.B. Erkennungsrate, Falschalarmrate) differenzieren zu können sowie Aussagen zur Produktionsstatistik. Beschrieben werden dort ebenso die Auswirkungen der Eignung eines BV-Systems für konkrete Aufgabenstellungen.

Aktueller Diskussionspunkt im Gremium ist das Erstellen von Musterkatalogen, bei denen Antworten auf verschiedene Fragen gefunden werden sollen, wie z.B. lassen sich Prüfobjekte oder Grenzmuster nach der Aussagekraft der Merkmale auswählen? Soll man die Abnahme der Anlage anhand von Musterteilen oder mit Teilen aus der laufenden Produktion vornehmen? Welche Stichprobengrößen sind für die Abnahme der Anlage erforderlich? Wie lässt sich die statistische Sicherheit abschätzen?

erschienen in: inVISION Ausgabe 3/2017